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Prothesen für den Körper, Psychologen für die Seele: Die Ukraine beginnt mit dem Wiederaufbau der Menschen

Prothesen für den Körper, Psychologen für die Seele: Die Ukraine beginnt mit dem Wiederaufbau der Menschen

© dpa/Sebastian Gollnow

Prothesen für den Körper, Psychologen für die Seele: Die Ukraine beginnt mit dem Wiederaufbau der Menschen

Nachwuchsärzte üben Amputationen, Mütter trauern, der Terror aus der Luft gehört zum Alltag. Kliniken und Therapiezentren gehören zum Wiederaufbauplan der Ukraine – inmitten des blutigen Krieges.

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Eine ältere Frau bringt Blumen zur Gedenkmauer am Michaelskloster, auf der auch ein Foto ihres Sohnes Jewhen prangt. Er wäre an diesem Tag 30 Jahre alt geworden, sein Leben aber endete vor gut zwei Jahren in der Schlacht um Mariupol. Seine Mutter stellt ihre Vase ab und sagt „Happy birthday“, um zu erklären, warum sie hier ist. Mehr Englisch spricht sie nicht, stattdessen drückt sie sich die Hand aufs Herz, während sich ihre Augen mit Wasser füllen – und ist damit mehr als gut zu verstehen.

Vielleicht gehört sie zu denen in Kyjiw, die von Bürgermeister Witali Klitschko einen der Anrufe oder Briefe bekommen haben, die ihm zur quälenden Routine geworden sind. „Am meisten hasse ich an meiner Arbeit, Eltern mitteilen zu müssen, dass ihre Kinder tot sind“, hat er kurz zuvor am selben Ort erklärt: „Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden.”

200 zivile Opfer hat es bisher in seiner Metropole gegeben, darunter sieben Kleinkinder, berichtet der frühere Box-Weltmeister, 800 Gebäude wurden zerstört. Wenn die beste Luftabwehr des Landes sie einmal nicht abfangen kann, schlagen immer wieder Raketen und Kamikazedrohnen auch in der ukrainischen Hauptstadt ein. Sie bleibt für Kremlchef Wladimir Putin ein Ziel, auch wenn die Frontlinie zur russischen Armee einige hundert Kilometer südlich von Kyjiv verläuft. Die unweit von Charkiw zusammengezogenen russischen Truppen beweisen nur, dass es keinerlei Entwarnung gibt.

Die blutige Spur des Krieges

Wieviele Menschenleben Russlands Krieg gegen die Ukraine schon ausgelöscht hat, lässt sich nicht verlässlich beziffern. Sehr nahe liegen die verschiedenen Quellen bei den rund 10.000 getöteten Zivilisten beieinander. An der Front geht es noch blutiger zu mit einer vermutlich hohen fünfstelligen Zahl toter ukrainischer Soldaten (und einer mutmaßlich sechsstelligen auf russischer Seite). Was sicher ist? Die Zahl der körperlich und seelisch Verwundeten liegt noch deutlich höher.

An der Bogomolets, der Medizinischen Universität von Kyjiw, erhöhen sie die Zahl derer, die sich um sie kümmern können – mit einem Zuschuss der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und dem Wissen der Berliner Charité. Der Nachwuchs demonstriert einer politischen Besuchergruppe, was er schon gelernt hat. Auf Operationstischen liegen Puppen – bei einer von ihnen muss der blutige Stumpf eines weggesprengten Unterschenkels versorgt werden.

 Wir sehen wirklich schlimme Dinge, aber wir halten durch. Wir werden gewinnen.

Juliia Boiko, Ärztin aus Kyjiw

Die Ausbilderin Juliia Boiko weiß aus ihren Schichten in einer Kyjiwer Klinik, warum auch Amputationen auf dem Lehrplan stehen. Sie hat viele Soldaten, die zur Behandlung von der Front in die Hauptstadt zurückgebracht wurden, vor sich gehabt. „Wir sehen wirklich schlimme Dinge“, erzählt die Medizinerin, „aber wir halten durch.“ Fast trotzig fügt sie hinzu: „Wir werden gewinnen.“

Der 22-jährige Illia studiert Psychologie. Olena Selenska, die Frau von Präsident Wolodymyr Selenskyj, hört sich an diesem Tag zusammen mit der deutschen Entwicklungsministerin Svenja Schulze an, was in seinem Seminar behandelt wird. Die Ukraine braucht Spezialisten für Angstzustände, Depressionen und Traumata. „Es ist jetzt schon ein Problem“, sagt Illia, der weiß: „Es wird noch größer werden.“ Das Kinderhilfswerk Unicef hält allein 1,5 Millionen Kinder für akut gefährdet.

Der Terror aus der Luft macht mürbe

Den Erwachsenen geht es kaum besser. Der jungen Frau etwa, die in den ersten Kriegsmonaten 2022 nach Deutschland geflohen war und im Spätsommer desselben Jahres zu den ersten Rückkehrern gehörte. Auf der ersten Etappe ihres Rückwegs von Düsseldorf nach Berlin sagte sie ihrem Bahn-Nebensitzer, sie könne Familie und Heimat nicht im Stich lassen. Sie bereut die Entscheidung nicht.

Der Preis aber ist hoch. Sie schläft schlecht, geht nur selten aus, weil sie sparen und spenden will für die ukrainische Sache. Das Feiern macht ihr ein schlechtes Gewissen, während Freunde in Schützengräben liegen. Wenn sie doch in ein Café oder Restaurant geht, rechtfertigt sie es damit, dass auch deren Angestellte von etwas leben müssen. Die Fröhlichkeit von einst scheint nur selten durch.

Beim Wiedersehen in Kyjiw fragt sie, wie es war während des einen Luftalarms, den der Besucher miterlebt hat. Nicht gut! Sie erzählt von einer Zeit im vergangenen Jahr, als nächtliche Einschläge die Wände ihrer Wohnung wackeln ließen. Die Luftabwehr ist seither besser geworden, aber sicher sein kann man sich nie. Neulich leuchtete ihre 100. Warnmeldung auf der Air Alert App des Handys auf – wie viele andere sucht sie nicht mehr sofort den nächstgelegenen Schutzraum auf: „Es passiert zu oft, man kann auch nicht alles ständig absagen.“

Wir sind alle traumatisiert.

Eine junge Frau aus Kyjiw, die aus Deutschland zurückgekehrt ist

Die Angst ist trotzdem da, zusammen mit der Wut, weil zwar Hilfe kommt, aber eben nicht genug. Ihre Arbeit als Buchhalterin lenkt sie ab – „die Zahlen kann ich kontrollieren, ob mir nachts eine Bombe auf den Kopf fällt, nicht“. Die ständige unterschwellige Furcht macht mürbe. „Wir sind alle traumatisiert“, sagt die junge Frau. Sie freut sich, dass es nun auch dafür mehr Hilfsprogramme geben soll, „aber das wichtigste Hilfsprogramm ist das für die Front“.

Die First Lady ist in der Ukraine diejenige, die sich der Widerstandskraft ihrer Landsleute verschrieben hat. Als Schirmherrin von Initiativen wie der Awareness-Kampagne „Wie geht es Dir?“ ist Olena Selenska von Entwicklungsministerin Schulze eingeladen worden, mit ihrem Mann zur Berliner Wiederaufbaukonferenz im Juni zu kommen. Dort stehen zwar Infrastruktur, Wirtschaft, Kommunen und Arbeitskräfte im Zentrum, die Gesundheit ist aber ein wichtiger Unteraspekt.

„Nicht nur Gebäude müssen wieder aufgebaut werden, sondern auch die Menschen, die an Körper und Geist verletzt worden sind“, sagt Ingrid-Gabriele Hoven aus dem Vorstand der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. In der Ukraine hat die GIZ in den vergangenen zwei Jahren rund 230 Krankenhäuser, Gesundheits- und Therapiezentren ausgebaut.

Allein im vergangenen Jahr haben sie 1,5 Millionen Patienten behandelt. „Es gibt direkte Kriegstraumata vom Einsatz an der Front zu bewältigen“, sagt Hoven, „aber auch den Verlust von Angehörigen, die schwierige Kindererziehung meist ohne den Vater oder den ständigen Luftalarm in einem nur scheinbar normalen Alltag.“

Neue Arbeitsplätze im Gesundheitssektor

In Lwiw ist die größte und modernste Einrichtung entstanden. Im „Unbroken Center“ werden Verwundete aus dem ganzen Land betreut. Den meisten fehlt eine Gliedmaße, häufig das Bein, weil die Soldaten in vermintem Gelände unterwegs waren. Sie müssen neu lernen, mit einer Prothese zu gehen, das Gleichgewicht zu halten. Es gibt so viele dieser Fälle, dass die Nachfrage an Prothesen das Angebot bisher weit übertroffen hat. An diesem Freitag ist eine Prothesenwerkstatt eingeweiht worden – das schafft obendrein Arbeitsplätze.

In Deutschland habe ich kämpfen gelernt, in Deutschland habe ich meine Prothese bekommen.

Wolodymyr Rudkovskyi, ehemaliger Soldat

Zum Beispiel für Wolodymyr Rudkovskyi, der mit den oft verstörten Soldaten ersten Kontakt aufnimmt, wenn sie ankommen. Er ist 31 Jahre alt und hat an der ukrainischen Gegenoffensive im vergangenen Sommer teilgenommen. Zuvor war er von der Bundeswehr ausgebildet worden. Was er erzählt, gewährt einen kurzen Einblick in den Horror des Krieges.

Wie sie unter Dauerbeschuss von Panzern und Hubschraubern am dritten Tag trotzdem die russische Verteidigungslinie in der Region Saporischschja durchbrachen. Wie er mitten in einem Minenfeld, das sie dann erreichten, plötzlich unkontrolliert zu zittern begann. Wie von den 150 Mann in seiner Einheit, die er kommandierte, nur insgesamt zwölf den weiteren Kriegsverlauf überlebten.

Er verlor am 11. Juni 2023 durch ein russisches Geschoss „nur“ einen Teil seines Beines. Für die Operation wurde er nach Köln ausgeflogen, bekam eine künstliche Gliedmaße, ist mit seiner Frau und der einjährigen Tochter wiedervereint. „In Deutschland habe ich kämpfen gelernt, in Deutschland habe ich meine Prothese bekommen.“ Es ist ihm ein Bedürfnis, dem Besucher von dort zu danken.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

2 Kommentare
  1. Franziska Müller sagt

    Eine herzzerreißende Geschichte, die zeigt, wie tief der Schmerz und die Trauer in den Familien der Opfer sitzt. Es ist bewundernswert, wie die Ukraine trotz des blutigen Krieges mit Prothesen und Therapiezentren versucht, den Menschen wieder Hoffnung zu geben.

  2. Julia_1985 sagt

    Wie unterstützt die Ukraine die Familien von den Opfern des Krieges? Gibt es spezielle Programme?

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