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Werkschau Thomas Arslan: Das Kino des Lebens braucht keine Dialoge

Werkschau Thomas Arslan: Das Kino des Lebens braucht keine Dialoge

© Arsenal Presse

Werkschau Thomas Arslan: Das Kino des Lebens braucht keine Dialoge

Der Berliner Regisseur Thomas Arslan hat einige der schönsten deutschen Filme der 1990er Jahre gemacht, bevor er das Genrekino entdeckte. Jetzt zeigt das Arsenal eine umfassende Werkschau.

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Ein Sandweg, gezeichnet von Reifenspuren, im Hintergrund ein Gebäude und, wie ein Schwenk der Kamera offenbart, links eine Reihe Hochhäuser. Auf der Brache davor liegt etwas, das nach dem Rest eines Wachturms aussieht, die die deutsch-deutsche Grenze gesäumt haben.

Als der Trümmerwachturm aus dem Bild wandert, drängt eine Säge auf die Tonspur. Eine schöne Miniatur für einen Film über die Transformation Berlins nach dem Fall der Mauer, mit der Thomas Arslans kurzer Dokumentarfilm „Am Rand“ beginnt.

„Quer durch die Stadt hatten sich merkwürdige Brachen gebildet, an denen völlig unterschiedliche Stadtteile aus Ost und West aufeinandertrafen. Das bin ich abgewandert, von Süden nach Norden“, erinnert sich Arslan rückblickend. „Am Rand“ entstand 1991, ein Jahr bevor er sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) beendet.

Es ist der älteste Film Arslans in der Retrospektive „In Bewegung“, die das Kino Arsenal dem Berliner Filmemacher ab Samstag widmet. Die Reihe findet begleitend zu einer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) statt.

Öfter mal weniger reden

Arslan, geboren 1962 in Braunschweig, lebt als Kind und Jugendlicher in Essen und Ankara, studiert Mitte der 1980er Jahre in München Germanistik und wechselt dann nach West-Berlin, um Film zu studieren. „Ich bin durchs Filmegucken zum Filmemachen gekommen“, schreibt Arslan in einem Text mit dem Titel „Das Kino des Lebens“.

Werkschau Thomas Arslan: Das Kino des Lebens braucht keine Dialoge

Zwischen Tanke und Abhängen in Park: „Mach die Musik leiser“ begleitet eine Gruppe Zehnklässler durch Essen.

© Arsenal – Institut für Film und Videokunst/Thomas Arslan

In einer Szene seines Abschlussfilms „Im Sommer“ tritt Paul, der durch Berlin driftet, auf einen Balkon. Ein anderer Mann, der da schon rauchend steht, fragt, ob er schon gehe. Der Film sei noch nicht zu Ende. Paul erwidert, dass ihn die Vorhersehbarkeit der erzählten Geschichte anödet. Als er zurückfragt, was der andere Mann auf dem Balkon mache, erwidert der, er sei der Vorführer. Die Szene ist eine der wortreichsten des Films. Sonst sieht der Film einer guten Handvoll Frauen beim Rauchen zu. Arslan hat früh verstanden, dass ein Kino des Lebens gut daran tut, öfter mal ohne Dialoge auszukommen.

Zwei Jahre später läuft Arslans Langfilmdebüt „Mach die Musik leiser“ auf der Berlinale im Panorama. Hier sind die Wortkargen eine Gruppe Jugendlicher in Arslans Heimatstadt Essen kurz vor dem Ende der 10. Klasse. Zwischen Tanke und dem Abhängen in Parks werden die großen existentiellen Fragen besprochen: Schule weitermachen, Ausbildung oder Arbeiten.

Dazwischen rütteln sich Beziehungsfragen zurecht. „Mach die Musik leiser“ zeugt von Arslans Gespür, in scheinbar alltäglichen Szenen Lebensumstände sichtbar werden zu lassen. Geografisch gehört der Film zu den Ausnahmen in seinem Werk, die meisten seiner Geschichten sind in Berlin oder der Umgebung angesiedelt.

Im Stil der Berliner Schule

Die Retrospektive „In Bewegung“ läuft begleitend zur Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein und bewegt sich weitgehend chronologisch durch das Werk. Mit seiner Berlin-Trilogie aus „Geschwister – Kardeşler“ (1997), „Dealer“ (1999) und „Ein schöner Tag“ (2001) wurde Arslan zu einer der wichtigsten Stimmen des sogenannten Deutsch-türkischen Kinos in den 1990er Jahren.

Die Filme prägten den nüchternen und dennoch luftigen Stil, der eine ganze Gruppe von dffb-Absolvent:innen auszeichnete. Ein paar Jahre später etablierte sich der Begriff Berliner Schule, ein Label, das den Filmen von Arslan, Christian Petzold und Angela Schanelec lange anhaftete und ihnen auch im Ausland Bekanntheit verschaffte.

Doch das eine wie das andere Label greift für die Filme Arslans zu kurz. „Geschwister“ kreist um drei junge Menschen, die noch bei ihren Eltern leben und ihren Weg ins Leben suchen. „Dealer“ zeigt den jungen Can beim Versuch, durch Dealen sich und seiner Familie einen Aufstieg zu ermöglichen. „Der schöne Tag“ schließlich begleitet die 21-jährige Synchronsprecherin Deniz, gespielt von Serpil Turhan, zu einem Casting-Termin, später lernt sie in der U-Bahn einen jungen Mann kennen. Ein Film aus Vignetten und Zirkelbewegungen.

Am Eröffnungswochenende der Reihe stehen sich Arslans erste Filme und „Verbrannte Erde“ gegenüber, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte. Der Gangsterfilm greift Figuren und Motive aus „Im Schatten“ von 2010 auf und verweist auf ein analytisches Interesse am Genrekino, das Arslans Filme seit damals durchzieht.

Die Retrospektive bietet die Möglichkeit, „Verbrannte Erde“ und den Vorgänger in zeitlicher Nähe zu vergleichen und die Entwicklung in Arslans Werk nachzuvollziehen. Eine seltene Gelegenheit auch, einige der schönsten deutschen Filme der vergangenen dreißig Jahre nochmal im Kino zu erleben. Oder erstmals zu entdecken.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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