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Wie Zuhören die Welt echt besser macht: Schluss mit dem nervigen „wir müssen reden“ Kram

Schluss mit „wir müssen reden“ : Warum erst Zuhören die Welt besser macht

© Getty Images / Phil Leo / Michael Denora

Ob in der Politik oder im Privaten: Wer spricht, glaubt, die Situation zu beherrschen. Aber das ist mindestens ein Irrtum, wenn nicht ein Verhängnis.

Ein Essay von

Wie oft haben Sie schon über strittige Themen diskutiert, ohne innerlich mit den Augen zu rollen, weil Sie ahnten, wie das Gespräch sich entwickeln wird? Ohne kaum abwarten zu können, bevor Sie Ihre Gegenargumente abfeuern? Und ohne darüber ärgerlich zu werden, dass Ihr Gegenüber nicht zuhören, nicht verstehen will? Vermutlich nicht zu oft.

Ob es um Streitereien im privaten Kreis geht oder um politische Fragen: Verbale Auseinandersetzungen führen selten zu dem erstrebenswerten Ziel einer Annäherung. Eher dienen sie als Zement, mit denen die Konfliktparteien sich hinter ihren Ansichten einmauern.

Jeder will sich durchsetzen, senden, recht behalten

Ein Grund dafür könnte sein, dass die Streitparteien einander gar nicht erst zuhören. Motto: Ist doch eh Quatsch, was da kommt. Jede Seite will sich durchsetzen, will senden, recht behalten.

In der Logik einer herrschaftsorientierten Welt ist Reden Dominanz, und Zuhören ist die passive Reaktion. Kein Wunder, dass es in den meisten Gesellschaften unterbelichtet ist. Allerdings mit ebenfalls unterbelichteten Konsequenzen.

Zuhören ist mehr als Hören. Es ist ein aktiver Prozess und elementar nötig für dialogisches Leben. Das gilt für Streitigkeiten unter Freunden – und es gilt auch für gesellschaftliche Debatten. Und da wird Zuhören zu einem politischen Faktor, den zu ignorieren geradezu fahrlässig ist.

Der israelische Verhaltensforscher Guy Itzchakov von der Universität Haifa weist darauf hin, dass Diskutanten umso weniger in ihren Haltungen erstarrten, je mehr sie den Eindruck hatten, ihr Gegenüber höre ihnen aufrichtig interessiert und vorbehaltlos zu. Das ergab sich aus mehreren Untersuchungen.

Das Muster der Reaktanz zeigt sich auch bei AfD-Anhängern

Umgekehrt wurde auch das Muster der Reaktanz belegt: Je mehr eine Position pauschal und letztlich ohne echtes Interesse an ihrer Herleitung unter Druck geriet, desto mehr wurde sie verteidigt oder sogar noch zugespitzt. Was ungefähr das Schema ist, nach dem sich in Deutschland der Dialog erst mit Gegnern der Coronaimpfungen oder mit AfD-Sympathisanten immer schwieriger gestaltet.

Gutes Zuhören schafft laut Itzchakov für Sprechende ein „Gefühl der Verbundenheit“. Was gutes Zuhören ausmacht, hat jenseits von Ratgeber-Tipps wie Handyausschalten und Nachfragen die deutsche Sozialwissenschaftlerin und Musikerin Christina Thümer-Rohr in ihrem Essay „Zur Politisierung des Hörens“ aufgeschrieben.

Zuhören ist eine Metapher für Offenheit, das Offenstehen der Person, die innere Gastfreundschaft.

Christina Thümer-Rohr, deutsche Sozialwissenschaftlerin und Musikerin

„Zuhören ist eine Metapher für Offenheit, das Offenstehen der Person, die innere Gastfreundschaft“, heißt es da. Es bedeute die Bejahung des Anderen. Was, in der Tat, eine Geste sein dürfte, die vielen, wenn nicht allen, Streitgesprächen fehlt. Zumal den öffentlich geführten.

Zuhören baut Brücken, was besondern bei kontroversen Themen wichtig ist

Das erhält seine Tragik dadurch, dass es dieses Bejaht-Werden ist – in Itzchakovs Worten die Verbundenheit –, die Sprechende animiert, genauer über ihre Perspektiven nachzudenken. Und erst das kann zu einer spürbaren Verringerung der Einstellungsunterschiede führen.

„Unsere Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig gutes Zuhören ist, um Brücken zu bauen und positive Interaktionen zu fördern, insbesondere wenn Menschen unterschiedlicher Meinung sind“, fasst Itzchakov die Ergebnisse seiner Forschungen zusammen.

Unterbleibt gutes Zuhören dagegen, werden Auseinandersetzungen zu einer belastenden Form von Zeitverschwendung, denn sie ändern nichts. Alle bleiben bei ihren Meinungen, niemand lernt dazu, niemand will wissen, was die anderen bewegt.

Zu besichtigen ist derlei in den zahllosen TV-Talkshows, deren Dialoglosigkeit entsprechend oft kritisiert wird. Itzchakov nennt das „destruktive Meinungsverschiedenheiten“. Sie führen wahlweise zur Positionsverhärtung, oder sie unterbleiben gleich ganz. Was beides fatal ist.

Man bleibt unter sich, grenzt sich ab

Der erste Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) vom November 2023 hat anschaulich gemacht, was die Folge ungeführter Debatten ist: die Binnenorientierung innerhalb von Milieus. Je sinnloser einem die Diskussionen mit Andersdenkenden vorkommen, desto eher vermeidet man sie, desto lieber bleibt man unter sich.

Diese Bubble-Bildung ist dem Bericht zufolge am stärksten ausgeprägt bei den Anhängern der Grünen und den Anhängern der AfD, was die beiden Parteien sein dürften, die am meisten unter einem massiven bis aggressiven Rechtfertigungsdruck stehen.

Könnte also besseres Zuhören gegen die Spaltung der Gesellschaft, die wachsende Unversöhnlichkeit und die immer größere Distanz einzelner Gruppen zueinander helfen? Nicht allein, das wäre sicher eine Überforderung. Aber es ist ein Baustein.

„Ohne Zuhören bleibt das Sprechen leer“, schreibt Christine Thürmer-Rohr. Und ohne Resonanz bleibe es „bloße Selbstdarstellung oder verzweifeltes Agieren“. Das sollten sich vielleicht all jene immer mal in Erinnerung rufen, die sich vor allem sich selbst gerne reden hören.

Das Zuhören müsste derweil vom Verdacht der Nachrangigkeit befreit werden. Es müsste wieder einen Wert bekommen. Wie der Satz „Wir müssen reden“ früher als Beleg für moderne Diskussionsfähigkeit und Problemoffenheit galt, muss es jetzt einen Nachfolger geben, der das Zuhörenwollen heroisiert.

„Erst verstehen zu wollen, bevor man verstanden wird, das ist ein Wert, der betont werden sollte, er könnte bloße Meinungskonflikte in einen echten Gedankenaustausch verwandeln“, sagt Itzchakov und schlägt vor, „die Grundsätze des guten Zuhörens häufiger in öffentlich ausgestrahlte Gespräche einfließen“ zu lassen, sprich: in TV- oder Hörfunk-Talkshows. Nicht auszudenken, wenn sich gutes Zuhören in der politischen und persönlichen Streitkultur ausbreiten würde. Was können das für gute Gespräche werden!

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

4 Kommentare
  1. LenaMeisterin sagt

    Warum wird Zuhören oft unterschätzt? Ist es nicht der erste Schritt zu echtem Verständnis und Annäherung in Streitgesprächen?

    1. HannaSchreiberin sagt

      Das Zuhören wird leider oft unterschätzt, LenaMeisterin. Es ist tatsächlich der grundlegende Schlüssel für echtes Verständnis und für eine mögliche Annäherung in jeglicher Art von Konversation. Denn nur wenn wir aktiv zuhören, können wir die Perspektive des anderen wirklich erfassen und so eine konstruktive Kommunikation ermöglichen.

  2. SandraMeinung sagt

    Zuhören ist mehr als Hören. Es ist ein aktiver Prozess und elementar nötig für dialogisches Leben. Das gilt für Streitigkeiten unter Freunden – und es gilt auch für gesellschaftliche Debatten. Und da wird Zuhören…

  3. AnnaMeinung sagt

    Als jemand, der sich oft in Diskussionen wiederfindet, weiß ich nur allzu gut, wie wichtig es ist, wirklich zuzuhören. Es ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern auch der Möglichkeit, tatsächlich zu verstehen und aufeinander zuzugehen. Oft wird vergessen, dass Dialog mehr als nur Reden bedeutet. Es erfordert auch die Fähigkeit, aktiv zuzuhören und die Perspektive des anderen zu verstehen. Nur so können wir uns wirklich annähern und gemeinsame Lösungen finden.

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