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Der krasse Ansturm von Kokain in Europa: Wie die Droge gerade Deutschland aufmischt

Europas nie dagewesene Kokain-Schwemme: Wie die Droge gerade Deutschland erobert

© imago/Panthermedia

Europas nie dagewesene Kokain-Schwemme: Wie die Droge gerade Deutschland erobert

Staatszerfall in Südamerika, Bandenkriege in Europa. Die Bundesregierung will den Kampf gegen Kokain intensivieren. Oder hilft die Abgabe in Apotheken, wie Amsterdam sie erwägt?

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Ein paar Drinks, dann geht es gemeinsam auf die Toilette. Zu zweit, zu dritt, gänzlich ungeniert. „Inzwischen ballern einige Gäste ab 20 Uhr“, sagt ein Gastronom aus Berlin. „Es gibt Tage, da ziehen fast alle.“

Ballern? Ziehen? Gemeint ist das Kokain-Schniefen, wozu sich Feiernde aufs WC zurückziehen – zumindest oft, wie ein Club-Gänger aus dem Ruhrgebiet darlegt: „Wenn morgens nur noch Leute da sind, die selbst konsumieren, werden Bahnen auch auf’m Tisch gelegt.“

Die weißen Bröckchen werden etwa mit einer Kreditkarte zerrieben, als feines Pulver zu drei, vier, fünf Zentimeter langen Linien zurechtgeschoben, im Jargon heißt das: Bahnen legen. Und die sind auch in Schwedt, Kassel oder Ulm populär.

Europas nie dagewesene Kokain-Schwemme: Wie die Droge gerade Deutschland erobert

Beliebt unter Feiernden: eine Nase Koks.

© Getty Images/EyeEm/Rachaphak Kitbumrung / EyeEm

Nie gab es so viel Kokain in Europa wie jetzt. Das Bundeskriminalamt teilte mit, dass 2022 deutschlandweit 20 Tonnen Kokain konfisziert wurden, vergangenes Jahr waren es 35 Tonnen. Abwasseranalysen zeigen, dass der Konsum in Europa zunahm: In jenen deutschen Städten, deren Abwasserdaten ausgewertet wurden, stieg der Kokain-Gebrauch laut EU-Drogen-Beobachtungsstelle vergangenes Jahr um 41 Prozent.

Ist es nicht lächerlich, dass wir Drogenhandel den Kriminellen überlassen?

Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema

Die Drogenschwemme ist für die Sicherheitsbehörden kaum zu kontrollieren und setzt die Regierungen der EU-Staaten unter Druck. Vor eineinhalb Jahren musste sich Belgiens Justizminister vorübergehend verstecken, weil er im Kampf gegen die Kokainschmuggler ins Visier der Drogenmafia geraten war.

In den Niederlanden, wo eine brutale Unterwelt mit besonders viel Kokain hantiert, schlug Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema nun vor, die Droge zu entkriminalisieren. Um den Markt zu regulieren, sei eine Abgabe in Apotheken denkbar. Die 57-jährige Kriminologin aus der Links-Grün-Partei sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Ist es nicht lächerlich, dass wir Drogenhandel den Kriminellen überlassen und nicht versuchen, einen Weg zu einem zivilisierten Markt zu finden?“

In Portugal gilt der Besitz von bis zwei Gramm Kokain als Eigenbedarf, also nur noch als Ordnungswidrigkeit. Und schon 2019 plädierte der Chef der Berliner Drogenfahndung angesichts einer „Kokainepidemie“ für eine Kleinstmengen-Regelung, wie sie schon damals für Cannabis galt: Konsumenten gehen straffrei aus, die Justiz soll sich um die Dealer kümmern. Ist die Idee aus Amsterdam sinnvoll, sollte zumindest Portugal ein Vorbild sein?

85Prozent beträgt der Reinheitsgehalt konfiszierten Kokains in Deutschland oft.

Trotz Strafverfolgung wächst das Problem hierzulande nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ: Vor fünf Jahren enthielten Proben meist 70 Prozent reinen Stoff, heute sei 85-prozentiges Kokain üblich, berichten Ermittler.

Europas nie dagewesene Kokain-Schwemme: Wie die Droge gerade Deutschland erobert

Hamburgs Zoll präsentierte im Jahr 2022 eine Probe im Hafen sichergestellten Kokains.

© dpa/Marcus Brandt

Kokain kommt fast immer aus Kolumbien, Peru und Bolivien. Tausende Bauern an den Hängen der Anden bestreiten mit Koka-Sträuchern ihr Leben. Nachdem die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe in Kolumbien beendet waren, wuchsen die Anbauflächen. Ernte und Verarbeitung wurden zudem effizienter.

Die Kartelle, die den Bauern die Koka-Blätter abkaufen, bestechen routiniert Beamte. Oder sie zerlegen einen Staat gleich ganz: Vor einigen Monaten stürzten Kokainbanden das kleine Ecuador mit Attentaten ins Chaos. Neben heimischen Männern mischten albanische Gangster mit.

Innenministerin Nancy Faeser reiste im März nach Südamerika, um angesichts des florierenden Kokainschmuggels die Zusammenarbeit mit Brasilien, Peru, Ecuador und Kolumbien zu intensivieren. Das „Milliardengeschäft der Drogenkartelle“ führe zu einer Gewaltspirale, die auch in Europa angekommen sei, sagte die SPD-Politikerin.

Nur einer von 1000 Schiffscontainern

Noch läuft das Kokaingeschäft so wie die Legalwirtschaft: arbeitsteilig, flexibel, multinational. In der ersten Phase nach der Ernte dominieren Netzwerke aus Mexiko und Kolumbien, wobei selbst in Südamerika zunehmend Albaner dabei sind, die weltweit über funktionierende Exilstrukturen verfügen. Die Ware wird meist in Schiffen in die Häfen in Rotterdam, Antwerpen, Genua, Lissabon und Hamburg geschmuggelt.

Ein Fahnder sagt: Nur einer von 1000 Schiffscontainern könne so untersucht werden, dass gut versteckte Drogen gefunden würden. Scanner, Sicherheitskräfte und Spürhunde reichten angesichts der vielen Güter in Europas Häfen nicht für mehr.

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In Bananenkisten verstecktes Kokain landete in den vergangenen Jahren öfter bei einem Obst-Großhandel in Brandenburg.

© Polizei Brandenburg

In dieser zweiten Phase, in der das Kokain aus dem Ankunftshafen in Deutschland verteilt wird, dominieren Ermittlern zufolge ebenfalls oft Albaner, dazu kommen Männer aus diversen Staaten Osteuropas, arabischen Ländern und der Türkei. Immer wieder werden in dieser Phase aber auch Verdächtige geschnappt, die Peter oder Martin heißen.

Der Faktor Mensch spielt dabei eine kritische Rolle. In Hamburg wird regelmäßig Hafenpersonal verdächtigt, von Großdealern bestochen worden zu sein. In Berlin warnten Polizisten einen Clan vor Drogenrazzien. Und Beamte in Hessen verrieten Interna an Hells Angels, passenderweise gab’s dafür auch Kokain zum Selbstgebrauch.

30.000Euro kostet ein Kilogramm Kokain, wenn es in Deutschland ankommt.

Diejenigen, die den Stoff in Phase III an die Konsumenten liefern, gehören allerlei Szenen an, wenngleich oft Männer aus arabischen Familien erwischt werden. Aber eben nicht nur: In Berlin läuft ein Verfahren um „bewaffnetes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln“, es geht um ein Koks-Taxi, also einen via Handy bestellbaren Dealer-Lieferdienst. Angeklagt sind Hassan und Jessica.

Vom Anden-Strauch bis zum Club-Klo wird Kokain lukrativer. Nachdem die Koka-Blätter in Dschungel-Laboren zerstampft, mit Benzoylchlorid versetzt, aus der Paste dann Brocken getrocknet werden, ist ein Kilogramm circa 1000 Euro wert. In Europa angekommen, sind es bis zu 30.000 Euro. Wer ein Kilo dann Gramm für Gramm an Endkunden verkauft, macht in Deutschland circa 90.000 Euro Umsatz.

Kokain kommt bald öfter mit der Post

Die Dealer konkurrieren heftig, inzwischen schlagen die Banden auch außerhalb des Milieus zu. In Amsterdam wurde 2021 ein bekannter Polizeireporter erschossen, Belgiens Justizminister musste sich dann nach Attentatsdrohungen 2022 verstecken.

Derlei Zustände gibt es in Deutschland nicht. Doch auch in Hamburg gab es unter Kokaindealern zuletzt Tote, dazu diverse Mordversuche. In der Hansestadt gründeten Polizei, Verwaltung und Wirtschaftsverbände die „Allianz sicherer Hafen“, am 7. Mai sollen sich in Hamburg kundige Vertreter aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland treffen, um den Kampf gegen Organisierte Kriminalität besser zu koordinieren.

Was hält die Bundesregierung denn nun davon, Kokain zu entkriminalisieren, um den Banden das Geschäft zu entziehen? Sowohl Faesers Innen- als auch das Justizministerium unter FDP-Mann Marco Buschmann verweisen auf Karl Lauterbach. Der sozialdemokratische Gesundheitsminister setzte gerade die Cannabis-Legalisierung durch, die wegen alltagsferner Vorschriften skeptisch gesehen wird. Eine Anfrage zur Amsterdamer Kokain-Idee beantwortete sein Ministerium nicht.

Mittelfristig wird sich der Drogenhandel schon wegen des technischen Fortschritts ausweiten. Über Messengerdienste oder das Darknet lässt sich Kokain in Sekundenschnelle bestellen, also aus einer Laune heraus. Der Stoff wird dann von einem Absender aus dem Ausland versandt und kommt, wenn die Menge passt, mit der Post in Deutschland an. Wie für die Container in den Häfen gilt auch für Paketdienste: Unmöglich, jede Sendung zu kontrollieren, im weltweiten Warenverkehr gibt es viel zu viele Päckchen.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

4 Kommentare
  1. Anna_Schreiber sagt

    Das ist wirklich besorgniserregend. Der steigende Kokain-Konsum in Deutschland und Europa ist alarmierend. Es müssen dringend effektive Maßnahmen ergriffen werden, um diesem Trend entgegenzuwirken.

  2. Julia92 sagt

    Der Ansturm von Kokain in Europa ist besorgniserregend. Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Regierungen Maßnahmen ergreifen, um dieser gefährlichen Entwicklung entgegenzuwirken.

  3. Sandra89 sagt

    Der Kokain-Ansturm in Europa ist besorgniserregend. Es ist erschreckend zu sehen, wie die Droge Deutschland und andere Länder in Europa erreicht und die Konsumraten ansteigen. Es ist höchste Zeit, dass Maßnahmen ergriffen werden, um dieser gefährlichen Entwicklung entgegenzuwirken.

  4. LisaSchreiber89 sagt

    Der Anstieg des Kokain-Konsums in Deutschland ist besorgniserregend. Es ist erschreckend, wie leichtsinnig einige Menschen mit dieser gefährlichen Droge umgehen. Die Regierung sollte dringend Maßnahmen ergreifen, um dem illegalen Drogenhandel entgegenzuwirken und präventive Maßnahmen zu verstärken.

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